Hamburger
Morgenpost
»Hamburg ist eine wunderbare
Kulisse!«
RALF DORSCHEL
Auf dem Kiez liegen die Leichen und im düstersten Harburg - nach
einem alten
Wikinger-Ritual auf das Grausigste hingeschlachtet. Als Schauplatz
für
seinen ersten Roman "Blutadler" hat der Schotte Craig Russell
sich ein
Hamburg zwischen Mob und Milieu ausgesucht. Heute liest er im Buchhaus
Weiland.
MOPO: Wie sind
Sie als Schotte auf die Idee gekommen, Ihr Romandebüt nach
Hamburg zu verlegen?
Craig Russell:
Ich wollte meine britischen Leser an einen für sie neuen Ort
führen. Ich kenne Deutschland schon sehr lange und mich nerven
die
Stereotypen in den britischen Medien. Das ist nicht das Deutschland,
wie ich es kenne. Und warum ich Hamburg gewählt habe: Es gibt
hier ein fast schon britisches Feeling. Es ist eine großartige
Stadt mit vielen
unterschiedlichen Seiten. Und damit eben eine wunderbare Kulisse
für einen Thriller.
MOPO: Die Krauts
und "Don't mention the war"... Wieso halten sich diese
Deutschland-Klischees eigentlich in den britischen Medien?
Russell: Das
ist Ignoranz, ein "Unbild": Die sprechen über den
Krieg, weil
sie nicht wissen, wie es im heutigen Deutschland aussieht.
MOPO: Nun gibt
es ja Gründe, warum Krimi-Autoren Leichen oft nahe der
eigenen Haustür stapeln: Sie kennen sich da gut aus. Wie konnten
Sie sicher
sein, Hamburg nicht nur als Tourist zu kennen?
Russell: Immer
wenn ich in Hamburg bin - außer wenn so viel Schnee liegt
wie
jetzt -, laufe ich durch die Stadt und versuche, ihre Atmosphäre
zu
erfassen. Und ich habe eine Armee von Beratern. So hat eine Hauptkommissarin
der Hamburger Polizei schon das englische Manuskript überprüft.
Das Buch
sollte so authentisch wie möglich sein.
MOPO: "Blutadler"
ist ein durchaus gehobener Thriller. Wäre der auch ohne
diese gruseligen Metzelszenarien denkbar gewesen?
Russell: Mir
ging es darum, wie Geschichte festgehalten wird. Dieses
Wikinger-Ritual kommt in alten Aufzeichnungen vor - aber wir wissen
nicht,
ob es jemals passierte oder nur Propaganda ist. Da geht es um die
Frage nach
Geschichte: Wer hat sie geschrieben? Bei mir nutzt ein Serienmörder
das
Ritual, um eine Gruppe zusammenzuhalten - ohne zu wissen, ob es
überhaupt
authentisch ist. Ich wollte nicht schocken, wollte es nur realistisch
haben.
Und "Wolfsfährte", der Nachfolger zu "Blutadler",
wird deutlich
psychologischer sein.
MOPO: Wenn man
mal aus dem englischen Titel des Nachfolgers, "Brother
Grimm", Rückschlüsse ziehen darf, dreht sich der
auch um unsere Mythen.
Russell: Mir
geht es um den Hintergrund der Märchen, die ja ursprünglich
nicht so nett und süß waren. Ich glaube, dass es immer
schon Serienmörder
gab - nicht erst, seit wir Thriller-Autoren drüber schreiben.
Und dass
Märchen eine Warnung vor dem Bösen und Merkwürdigen
waren.
MOPO: Sie haben
eine ganze Serie von Hamburg-Thrillern angekündigt. Wie groß
ist die Versuchung, mal einen Roman in Schottland spielen zu lassen?
Russell: Ich
liebe Hamburg! Ich glaube nicht, dass ich genauso
enthusiastisch über Glasgow oder Edinburgh schreiben könnte.
Ich glaube, ich
bleibe noch eine ganze Weile bei Hamburg.
http://archiv.mopo.de/archiv/2006/20060313/hamburg/kultur/hamburg_ist_eine_wunderbare_kulisse.html
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