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Udo
Röbel's Hamburger Abendblatt
Die Liebeserklärung eines Briten
Der schottische Autor Craig Russell macht Hamburg zum Tatort seiner
Thriller
Von Udo Röbel
Hamburg - Eine
Gewitternacht über Hamburg. Ein anonymes Appartement in Altona.
Und darin die entsetzlich zugerichtete Leiche einer jungen, schönen
Frau. So beginnt ein überaus spannender neuer Thriller, der
in der Hansestadt spielt. Doch das eigentlich Spannende an diesem
Buch ist, daß es ein englischer Thriller ist. Geschrieben
von einem britischen Autor und vor wenigen Wochen in England auf
den Markt gebracht vom größten Buchverlag der Welt -
von Random House."Blood Eagle" (Blut-Adler) heißt
das Buch, und es sollen ihm fünf weitere Thriller folgen. Alle
angesiedelt in Hamburg. Alle mit dem Hamburger
Kommissar Jan Fabel als Protagonisten. Und alle mit einem erstaunlich
deutschfreundlichen und sehr differenzierten Blick auf Deutschland
und seine Geschichte. Ja, wie denn? Was denn? Spinnen die Engländer
plötzlich? Autor Craig Russell (48) ist immer noch ein bißchen
überrascht, daß er in England überhaupt einen Verlag
gefunden hat, der seine Meinung teilt, es sei endlich an der Zeit,
das vorherrschende
Deutschland-Bild vieler Engländer aufzubrechen. Ein Bild, das
immer
noch geprägt ist von reflexhaften"Krauts"- und Nazi-Stereotypen.
Schlagzeilen wie "Von der Hitlerjugend zum Papst", der
"Panzer-Papst" oder
"Gottes Rottweiler" nach der Wahl von Kardinal Ratzinger
zum neuen Oberhaupt
der katholischen Kirche sind leider immer noch an der Tagesordnung.
Craig
Russell findet sie "peinlich". Genauso wie die nicht enden
wollenden
britischen TV-Comedys, die im Zweiten Weltkrieg spielen und vor
fetten,
dummen deutschen Feldwebeln und "Heil Hitler!" schnarrenden
Majoren
strotzen.
"Schon als Kind habe ich mich gefragt, wenn ich diese Nazi-Filme
sah, ob die
Deutschen wirklich so blöd sind", sagt Russell. "Aber
auch heute noch ist
Deutschland für englische Roman-Autoren eigentlich nur interessant,
wenn sie
eine Geschichte aus der Nazi-Zeit erzählen können."
Die ersten britischen Literatur-Agenten, denen Russell sein Manuskript
anbot, waren denn auch skeptisch. ",Muß es denn unbedingt
das Deutschland
von heute sein?' fragten sie mich. ,Holland oder Schweden wäre
doch auch
ganz gut.'" Russell blieb stur. Und fand in Carol Blake eine
renommierte
britische Literaturagentin, die sein Buch "geradezu enthusiastisch"
aufnahm.
Inzwischen hat sie die Rechte in 14 europäische Länder
weiterverkauft.
Darunter nach Holland, wo "Blood Eagle" sehr bald in die
dritte Auflage
ging.
Tatort Deutschland. Für die Briten ein neuer Krimi-Trend? Das
Schielen auf
einen neuen Markt, der sich ähnlich erfolgreich entwickeln
könnte, wie das
für die schwedischen Krimi-Autoren in Deutschland der Fall
war? "Uns war
nicht nur die glänzend geschriebene Crime-Story wichtig",
sagt Carol Blake.
"Sondern daß dahinter auch noch die andere Geschichte
steckt, die dem
britischen Leser Denkanstöße gibt, speziell solchen,
die noch immer alte
Klischees über Deutschland im Kopf haben."
Für Craig Russel ist sein Hamburg-Thriller aber auch eine Herzenssache,
die
er sich selbst nicht ganz erklären kann. "Es war vor 15
Jahren", erzählt er.
"Ich arbeitete damals noch als Creative Director in einer Werbeagentur.
Dort
fiel mir eines Tages ein Bildband in die Hände. Stille, wunderschöne
Fotos
von einer norddeutschen Kleinstadt im Morgennebel. Und plötzlich
überkam
mich ein tiefes, mir völlig unbekanntes Gefühl. Es war
so etwas wie Heimweh.
Und ich fuhr nach Hause und sagte zu meiner Frau: Ich muß
nach Deutschland."
Seither hat Russell jedes Jahr Deutschland besucht. Vor allem
Norddeutschland und Hamburg. Und er hat Deutsch gelernt. "Vielleicht
liegt
es ja auch daran, daß ich Schotte bin", sagt er. "Die
Schotten waren schon
immer weltoffener und europäischer als die Engländer.
Und was ich schon
immer in mir gespürt habe, bestätigte sich bei meinen
Besuchen in Friesland:
Der ostschottische Dialekt hat starke Wurzeln im Friesischen oder
umgekehrt,
was sich ja auch historisch belegen läßt, wenn man sich
die
Wanderungsbewegungen unserer Volksstämme anschaut."
Folgerichtig hat Russell seinen Hamburger Kommissar denn auch mit
zwei
Identitäts-Wurzeln angelegt: Jan Fabel ist Ostfriese, hat eine
schottische
Mutter, einen deutschen Vater und wird im Hamburger Polizeipräsidium
nur
"der englischsprachige Kommissar" genannt.
Ansonsten ist Fabel eine vielschichtige Person mit Kanten und Brüchen.
Geschieden, einsam, geprägt von traumatischen Erlebnissen des
RAF-Terrors in
den 70er Jahren und vorgebildet durch ein Geschichtsstudium, was
Russell die
Plattform schafft, seinen Helden auf der Jagd nach dem Mörder
immer wieder
die aktuelle Situation Deutschlands vor dem Hintergrund seiner dunklen
Vergangenheit reflektieren zu lassen.
Das alles kommt in "Blood Eagle" nicht oberlehrerhaft
und erstaunlich
unverkrampft daher. So zum Beispiel, wenn Fabel am Tatort eine ältere
Nachbarin befragt, die ihm leider nicht weiterhelfen kann, weil
sie fast
taub ist und nichts vom Tathergang gehört hat: "Das ist
noch von den
Bomben", entschuldigt sich die Frau. Und Fabel fragt zurück:
"Von der
Bombardierung durch die Briten?" Und die Frau sagt "Ja"
und zeigt dem
"englischsprachigen Kommissar" ihren verbrannten und verstümmelten
Arm. Doch
es geht dem Autor nicht nur um Deutschland. "Um uns alle herum
entsteht ein
neues Europa", sagt Russell. "Und Deutschland liegt mitten
in diesem neuen
Europa. Ein aufregender Schauplatz, wo plötzlich vollkommen
gegensätzliche
Kulturen aufeinanderprallen."
Wie in seinem Thriller "Blood Eagle", wo vor dem Hintergrund
erbarmungsloser
Bandenkriege zwischen Türken und Ukrainern ein psychopathischer
Mörder die
Hamburger Polizei in Atem hält. Die Resonanz in England auf
einen "deutschen
Thriller" war bisher ausgesprochen positiv. Bis auf eine Besprechung
im
"Guardian". Russell: "Denen gab's in meinem Buch
zu viele authentische
deutsche Bezeichnungen, Begriffe und Straßennamen."
Udo Röbel, der Autor dieses Artikels, schreibt Kriminalromane
und lebt in
Hamburg
http://www.abendblatt.de/
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